Lange habe ich mich um das Thema „Alkoholfreie Weine“ gewunden und wollte mich nicht so recht damit beschäftigen. Hier und da hatte ich Berührungspunkte, aber dem Wein nie etwas abgewinnen können. Eine Zeitlang hatten wir sogar einen Wein ohne Alkohol im Portfolio, der grausam geschmeckt hat. Hat auch niemand gekauft. Inzwischen habe ich immer noch keine trinkbaren Rotweine ohne Alkohol gefunden. Allerdings gibt es die ersten Schaumweine, die durchaus trinkbar sind. Alkoholfreier Wein wirkt auf den ersten Blick wie ein Widerspruch, weil Alkohol zum klassischen Weinprofil gehört: Er trägt Aroma, Körper und Wärme. Trotzdem wächst die Kategorie rasant, weil viele Menschen den Geschmack und die Rituale rund um Wein wollen, aber weniger oder gar keinen Alkohol. Damit Sie im Regal nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, lohnt sich ein Blick auf die unterschiedlichen Arten und auf die Technik dahinter.
Arten von alkoholfreiem Wein
Im Kern treffen Sie heute auf zwei Welten. In der ersten Welt steht ein echter Wein am Anfang. Winzer lesen Trauben, vergären Most, bauen den Wein aus und nehmen ihm erst am Ende den Alkohol wieder weg. Genau diese Produkte beschreiben EU-Regeln seit der Reform der Weinmarktordnung als „de-alcoholised“ beziehungsweise „partially de-alcoholised“ und koppeln die Kategorie an messbare Alkoholgrenzen.
Weinähnliche Getränke bei Alkoholfreie Weine
In der zweiten Welt steht kein fertiger Wein am Anfang, sondern ein weinähnliches Getränk. Hersteller arbeiten dort mit Traubensaft, Traubenmost, Wasser, Tee- oder Kräuterauszügen, Säuren und Aromen. Das Ergebnis kann erquicklich sein, aber es verhält sich sensorisch meist anders als entalkoholisierter Wein: Es schmeckt häufig saftiger, süßer und weniger strukturiert, weil die typische Weinarchitektur aus Gäraromen, Phenolik und Alkohol als „Träger“ fehlt. Verbraucherartikel weisen genau auf diese Unterscheidung hin und empfehlen den Blick auf die Volumenprozent auf dem Etikett.
Echte alkoholfreie Weine
Innerhalb der „echten Wein“-Welt lohnt sich die nächste Trennung: vollständig entalkoholisiert und teilweise entalkoholisiert. Bei vollständig entalkoholisierten Weinen bewegt sich der Alkoholgehalt in der EU bei maximal 0,5 % vol, während teilweise entalkoholisierte Weine über 0,5 % vol liegen, aber unter dem Mindestalkohol der jeweiligen Weinkategorie bleiben. Das klingt technisch, hilft Ihnen aber sofort bei der Erwartung: Ein Produkt mit 0,0 % vol schmeckt fast immer leichter und „saftiger“ als ein Produkt mit 0,5 % vol, und ein „low alcohol“-Wein mit 5–9 % vol kann sich deutlich näher am klassischen Wein anfühlen als ein 0,0er.
Dann gibt es noch die Stilfrage für Alkoholfreie Weine. Still oder prickelnd entscheidet bei alkoholfrei besonders stark über den Trinkspaß. Kohlensäure liefert Druck, Frische und Struktur, die sonst oft fehlen. Darum überzeugen alkoholfreie Schaumweine sensorisch häufig früher als alkoholfreie Rotweine. Gleichzeitig sehen Sie bei Premium-Schaumwein-Alternativen oft mehr Aufwand bei der Aromarettung und beim Wiederaufbau des Mundgefühls.
Zuletzt spielt die Begriffswelt eine Rolle, weil sie im Alltag schneller missverstanden wird als im Gesetzestext. In Deutschland verbinden viele „alkoholfrei“ mit 0,0, doch „alkoholfrei“ darf rechtlich in vielen Kontexten Spuren enthalten. Eine wissenschaftliche Arbeit zum deutschen Markt nennt für „alkoholfrei“ eine Grenze von bis zu 0,5 % vol. Wenn Sie wirklich komplett auf Alkohol verzichten wollen, achten Sie auf 0,0 % vol und nicht nur auf das Wort.

Wie Hersteller Alkoholfreie Weine machen
Fast alle hochwertigen alkoholfreien Weine folgen derselben Dramaturgie: Erst entsteht ein normaler Wein, dann entfernt der Produzent Alkohol so schonend wie möglich, dann baut er Balance und Aroma wieder auf. Der Knackpunkt liegt in der Physik: Ethanol nimmt flüchtige Aromastoffe mit, und jede Entalkoholisierung berührt deshalb automatisch Duft, Geschmack und Textur. Fachliteratur beschreibt genau diese Qualitätskonflikte und vergleicht thermische und membranbasierte Verfahren.
Vakuumdestillation:
Alkohol läßt man bei niedriger Temperatur verdampfen. Bei der Vakuumdestillation senkt der Produzent den Druck, damit Ethanol deutlich früher siedet. So muss er den Wein nicht „kochen“, sondern kann bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen arbeiten. Vakuum reduziert die thermische Belastung und macht Ethanol bei ungefähr 40 °C abtrennbar. In der Praxis trennt die Anlage Alkohol und einen Teil der flüchtigen Aromen ab. Viele Produzenten arbeiten deshalb mit Aroma-Rückgewinnung oder mit späterer Dosage, um Frucht, Süße, Säure und Mundgefühl wieder auszubalancieren.
Umkehrosmose:
Bestandteile trennen, Alkohol separat entfernen, wieder zusammenführen. Bei der Umkehrosmose nutzt der Hersteller Membranen und Druck. Er teilt den Wein in zwei Fraktionen: eine, die vor allem Wasser und Aromakomponenten trägt, und eine, die Alkohol stärker bündelt. Danach entfernt er Alkohol aus der alkoholreichen Fraktion und führt beide Ströme wieder zusammen. Der Vorteil liegt in der vergleichsweise geringen Wärmelast; der Nachteil liegt in Technikaufwand, Kosten und im Feintuning, weil auch hier Aromaverluste drohen.
Spinning Cone Column:
Aromen zuerst sichern, Alkohol danach abtrennen. Bei der Spinning Cone Column dreht sich eine Kolonne mit konischen Elementen, die sehr dünne Flüssigkeitsfilme erzeugen. Unter Vakuum und mit Dampf kann das System flüchtige Stoffe gezielt herauslösen. Zuerst zieht die Anlage die besonders flüchtigen Aromakomponenten ab, dann entfernt sie in einem zweiten Durchgang Ethanol, und am Ende kann der Produzent die Aromafraktion wieder zugeben. Das Verfahren gilt als sensorisch stark, kostet aber meist mehr, weshalb Sie es häufiger bei Premium-Weinen sehen.
Was danach passiert: Balance bauen statt Alkohol „ersetzen“. Nach dem Entalkoholisieren schmeckt der Wein fast immer schlanker, weil Ethanol Süßeindruck, Viskosität und Länge verstärkt. Darum justieren viele Produzenten das Profil. Sie arbeiten mit Restzucker, Traubenmostkonzentrat, Kohlensäure, Säuremanagement oder mit Ausbauentscheidungen schon vor der Entalkoholisierung, damit der Grundwein später „entalkoholisiert“ besser trägt. Genau hier entscheidet sich, ob ein alkoholfreier Wein nach Traube und Herkunft schmeckt oder nur nach „Traubenschorle mit Anspruch“.
Ein kurzer Blick aufs Etikett spart Ihnen viele Enttäuschungen. Suchen Sie die Volumenprozent, unterscheiden Sie entalkoholisierte Weine von weinähnlichen Getränken, und geben Sie prickelnden Varianten eine faire Chance, wenn Sie neu in der Kategorie starten. EU-Institutionen diskutieren zudem laufend über verbraucherfreundlichere Begriffe und Kennzeichnung, weshalb sich die Wortwahl auf Flaschen in den nächsten Jahren weiter verändern kann.
Alkoholfreie Weine aus Italien
Alkoholfreie Weine aus Italien stehen noch relativ am Anfang, aber sie entwickeln sich gerade schnell. Viele Betriebe setzen zuerst auf prickelnde Stile, weil Spumante auch ohne Alkohol am überzeugendsten wirkt: Kohlensäure bringt Druck, Frische und Länge, und das kaschiert die typische „Lücke“, die Alkohol im Mundgefühl hinterlässt. Darum findet man aus Italien besonders oft alkoholfreie Spumante-Alternativen, Frizzante-Styles und spritzige Weißweine.
Bei Stillweinen zeigen sich klare Muster. Aromatische Rebsorten und frische, zitrische Profile funktionieren am besten, weil sie auch ohne Alkohol Spannung liefern. Sehr holzbetonte oder extrem strukturierte Rotweine verlieren dagegen schneller an Kontur; sie wirken dann oft weicher, süßer oder einfach kürzer. Italien punktet hier mit zugänglichen Fruchtprofilen und viel Trinkfluss, vor allem im Weiß- und Schaumweinbereich.
Beim Etikett triffst du häufig auf „dealcolato“ für sehr niedrige Alkoholwerte und „parzialmente dealcolato“ für Low-Alcohol-Varianten. In der Praxis bedeutet das: 0,0 schmeckt meist leichter und saftiger, 0,5 wirkt oft runder und etwas „weiniger“. Viele Produkte verzichten noch auf die ganz großen Herkunftsnamen auf der Vorderseite und laufen eher als allgemeiner italienischer Wein oder Spumante, weil die Regeln je nach Herkunftsgebiet nicht überall gleich schnell nachziehen.
Wenn du italienische alkoholfreie Weine wirklich genießen willst, hilft ein einfacher Stil-Trick: kühl trinken, ruhig ein bisschen kälter als normalen Wein. Spumante macht bei 6–8 °C am meisten Spaß, Weißwein bei 8–10 °C. Dazu passen Antipasti, salzige Snacks, Zitrus, Kräuter, Frittiertes, leichte Pasta und alles, was mit Säure und Salz spielt.
Alkoholfreie Weine bei Weinistgeil
Was bedeutet das Ganze nun für Weinistgeil ? Werden wir bald „Alkoholfreie Weine“ anbieten ? In jedem Fall werden wir uns auf den kommenden großen Weinmessen intensiv mit dem Thema auseinandersetzten und probieren, probieren und probieren.
